Obwohl periphere Neuropathien insgesamt mit einer Prävalenz von 2-3% häufige Erkrankungen darstellen, hat die überwiegende Zahl der Unterformen einen Orphan-Status. Die Prävalenz ist dabei stark von der untersuchten Region abhängig. Unter den primären hereditären Neuropathien (hNP) sind bis auf jene bedingt durch Mutationen in PMP22, MPZ, MFN2, GJB1 oder SH3TC2 selten bis ultra-selten (d.h. die meisten HMSN, alle HSAN, alle dHMN). Selten sind auch hereditäre Plexopathien, hereditäre „small-fiber“ Neuropathien und die „giant axonal neuropathy“. Unter den sekundären hNP werden seltene Neuropathien bei mitochondrialen Erkrankungen (z.B. NARP, MNGIE, SANDO), bei hereditären spastischen Paraplegien (SPG1-7, SPG9-11, SPG14-15, SPG25, SPG27, SPG30-31, SPG36, SPG38-39, SPG43. SPG47. SPG49. SPG55-57, und SPG76), bei spino-cerebellären Ataxien (SCA1, SCA2, SCA3, SCA4, SCA6, SCA7, SCA10, SCA11, SCA18), bei Porphyrien wie der DOSS Porphyrie (ALAD1), akuten intermittierenden Porphyrie (HMBS), der hereditären Coproporphyrie (CPOX CPOX), oder der variegaten Porphyrie (PPOX), bei lysosomalen Speicher-Erkrankungen (z.B. M. Fabry, Krabbe, Sandhoff), ûnd bei Tangier Krankheit beobachtet. Auch unter den erworbenen peripheren Neuropathien (metabolisch, toxisch, infektiös, immun-mediiert, neoplastisch/paraneoplastisch) gibt es eine Fülle von Neuropathien mit Orphan-Status. Unter den metabolischen Neuropathien sind Neuropathien bei Hypo- oder Hyperthyreose und bei Vitamin-Mangel (B1, Folsäure, B6, B12, D, E) als selten zu betrachten. Seltene toxische Neuropathien sind jene bei Vergiftung mit Metallen (Kupfer, Lithium, Blei, Arsen, Thallium, Quecksilber, Kobalt). Zu den vielen Medikamenten die seltene Neuropathien verursachen zählen z.B. L-DOPA, Vitamin-B6, die „immune checkpoint“ Inhibitoren Pembrolizumap, Nivolumab, und Ipilimumab, sowie Eribulin. Chemikalien die selten Neuropathien verursachen sind beispielsweise Nitric-Oxid, Vinyl-Benzen, Di-Ethylen-Glykol, Hexa-Carbon, Acryl-Amid, und Carbon-Disulfid. Seltene infektiöse Neuropathien werden durch Erreger wie C. diphterie, Varicella-Zoster, Lepra, Zika, HIV, Influenza-A, Dengue, oder andere Arboviren verursacht. Unter den immun-mediierten Neuropathien gibt es seltene Unterformen des Guillain-Barre Syndroms (GBS) (z.B. AMAN, AMSAN, Bickkerstaff Enzephalitis). Seltene infektiöse Trigger eines GBS sind M. pneumoniae, EBV, CMV, Influenza-A, Hepatitis-E, „scrub typhus“, Chikungunya, Rubella, oder Zika. Seltene nicht-infektiöse Trigger eines GBS sind Hyponatriämie, bariatrische Operationen, Lupus, bakterielle Meningitis, oder Paranodopathien. Zwei bis sechs Prozent der CIDPs sind durch Antikörper gegen paranodale Proteine (contactin-1, neurofascin-155) verursacht (Paranodopathien). Bindegewebserkrankungen die selten mit einer Neuropathie vergesellschaftet sein können sind der Lupus, die rheumatoide Arthritis, die Sarkoidose, das Sjögren Syndrom, und die Sklerodermie. Unter den monoklonalen Gammopathien (Paraproteinämien) sind Neuropathien selten bei der Waldenström‘schen Makroglobulinemie, POEMS Syndrom, und bei CANOMAD. Unter den Vaskulitiden kommen Neuropathien selten bei systemischen Vaskulitiden (Panarteriitis nodosa, „microscopic polyangitis“, „eosinophilic granulomatosis with polyangitis“ (Churg-Strauss), „granulomatosis with polyangitis“ (Wegener), Hennoch-Schönlein purpura, Riesenzellarteriitis, und bei „essential mixed cryoglobulinemia“) und häufiger bei isolierter Vaskulitis des PNS vor. Selten treten Neuropathien auch in Zusammenhang mit neoplastischen und paraneoplastischen Erkrankungen auf. Generell gilt, dass bei hereditären und metabolischen Neuropathien mehrheitlich eine symmetrische und distale Verteilung vorliegt, während die infektiösen, immun-mediierten, und paraneoplastischen Neuropathien eher asymmetrisch, als Mononeuropathie, oder Schwerpunkt-Neuropathie manifestieren. Demyelinisierend sind vor allem die HMSN1, die Paraproteinämien, und das GBS/CIDP. Die übrigen Formen zeigen meist eine axonale Schädigung. Orphan Neuropathien sollten aus logistischen, Experise, und finanziellen Gründen in spezialisierten Zentren gemanaget werden.